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Die Urangst des Bauern


Nachstehend wird das in der Ausgabe 20/2016 in  der Südtiroler Wirtschaftszeitung veröffentlichte Porträt über Konrad Bergmeister wiedergegeben. Bergmeister wurde am 11. Mai 2016 vom Stiftungsrat zum neuen Präsidenten der Stiftung Südtiroler Sparkasse gewählt:

Er schreibt nach dem Feierabend Bücher, schläft nicht mehr als fünf Stunden und ist ein begnadeter Netzwerker. Konrad Bergmeister ist für viele nicht erst seit der Wahl zum Stiftungspräsidenten Südtirols mächtiger Superman. Was treibt den Mann an?
Konrad Bergmeister ist eine vielbeschäftigte Person. Mehrere ruhige Tage hintereinander mit seiner Familie in Brixen sind für den 57-jährigen, der regelmäßig zwischen Bozen, Innsbruck, München und Wien hin- und herhechtet, eine Ausnahme. Das lange Pfingstwochenende ist so eine Ausnahme. Entsprechend entspannt kommt Konrad Bergmeister zum SWZ-Interview in den weiten, hellen Büroräumlichkeiten des Ingenieurstudios Bergmeister in Vahrn. „Die Familie ist wichtig, sie gibt mir Kraft und ist Ruhepol. Genauso wie die Natur“, sagt der frisch gekürte Präsident der Stiftung Südtiroler Sparkasse, der in seiner zweiten Präsidentschaft der Freien Universität Bozen steht, eine ordentliche Professur für konstruktiven Ingenieursbau an der Universität für Bodenkultur in Wien innehat, seit 2006 als Koordinator die Fäden beim BBT zieht und bis dahin ein Ingenieurbüro mit mehr als 70 Mitarbeitern aufgebaut und geleitet hat.

Es ist eine Konzentration von Einfluss, wie sie in Südtirol – außerhalb der Politik – kein zweites Mal vorkommt. So sprach etwa die Landtagsfraktion der Grünen in der vergangenen Woche von einer „Überdosis Vitamin B“ (Bildung, Bank und BBT) und von einem „Schatten-Landeshauptmann“ an nunmehr drei strategischen Schaltstellen.
Wer verstehen will, woher der Ehrgeiz eines der einflussreichsten Entscheider des Landes kommt, muss zu seinen Wurzeln. Aufgewachsen auf einem Bergbauernhof auf 1400 Metern Höhe in Weitental/Kegelberg am Eingang des Pfunderer Tal war ihm als ältestes von acht Kindern der Weg vorgezeichnet: Nach dem Abschluss der Mittelschule hätte die Fachschule für Metallverarbeitung in Brixen, eine landwirtschaftliche Ausbildung und eine geordnete Hofübergabe folgen sollen. Doch es kommt anders. Im Alter von 14 Jahren schreibt der junge Konrad Bergmeister im Mai 1973 einen Aufsatz im Rahmen eines nationalen Schreibwettbewerbs mit dem Thema: „Wie konnte Europa eine so effiziente kulturelle Evolution durchmachen?“ Bergmeister gewinnt beim Wettbewerb den ersten Platz, womit ihm ein staatliches Stipendium in Höhe von 150.000 Lire pro Jahr zusteht, um eine Oberschule zu besuchen. Doch die Eltern wollen am ursprünglichen Plan festhalten: Konrad soll den Hof übernehmen, auch weil zwei jüngere Brüder im Kindesalter verstorben sind. Eine jüngere Schwester soll deshalb statt seiner das Geld für die Schule bekommen. Doch das verwehren die bürokratischen Mühlen und so verwirklicht sich für den jungen Bergmeister ein bis dahin geheim gehaltener Traum: Er kann weiterstudieren und besucht die Gewerbeoberschule in Bozen. Die Geldnöte aber bleiben. Das Stipendium wird nicht wie vereinbart ausgezahlt, und der junge Bergmeister bangt um seinen Traum. Erst die Spende eines westfälischen Arztes im Rahmen der Stillen Hilfe sowie Spenden aus Südtirol garantieren die fünfjährige Oberschulzeit. Konrad Bergmeister wertet es als Zeichen, dass er auf dem richtigen Weg ist. Er arbeitet nebenher und finanziert sich so das darauf folgende Studium in Innsbruck. „Diese Notwendigkeit des Versuchs, das eigene Leben schon ab dem 14. Lebensjahr finanziell abzudecken, hat mich durch und durch geprägt. Das zeigt sich heute in vielen Facetten meines beruflichen Lebens, das eigentlich nur eine logische Konsequenz dieser Notwendigkeit ist“, meint Konrad Bergmeister.
In der Logik dieser Konsequenz entdeckt Bergmeister bald seine Vielseitigkeit, die ihn zu einem begnadeten Netzwerker werden lässt. Das Tempo und der Umfang sind beeindruckend: Er studiert nicht nur Ingenieurswissenschaften, sondern probiert auch Medizin aus, schließt nebenbei ein Studium der Philosophie, der Europäischen Ethnologie und der Kunstgeschichte ab. 1985 und 1988 promoviert er sowohl in Kunstgeschichte als auch in Ingenieurswissenschaften. Nach Forschungsaufenthalten in Texas gründet er 1990 die „Ingenieurteam Bergmeister GmbH“, 1992 macht er den Master in „Manufacturing Systems“, und 1993 wird er ordentlicher Professor für konstruktiven Ingenieursbau an der Universität für Bodenkultur in Wien – mit 34 Jahren. „Meinem Streben nach Vielseitigkeit liegt eine gewisse Urangst des Bauern zugrunde. Der Bauer ist immer Witterungsverhältnissen ausgesetzt, bei einem Bergbauern bedeutet dies Existenzangst: Er muss schauen, ob er den Hof und die Familie weiterführen kann oder nicht. Diese Angst steckt vielfach noch in mir. In meinem Leben habe ich deshalb immer versucht, mich breit zu entwickeln, damit – wenn ein Weg nicht funktioniert – ein zweiter gelingt.“
Mit den Wegen meint Konrad Bergmeister nicht repräsentative Aufgaben. Diese seien wie von selbst dazu- gekommen – meist sei er gebeten worden, die Aufgabe zu übernehmen. So wie im Fall der Stiftung Südtiroler Sparkasse, bei der er nach einer ersten vehementen Absage schließlich doch noch „weich“ geworden sei: „Sagen wir es so: Die repräsentativen Aufgaben mache ich am unliebsten. Da muss ich mich immer aufraffen. Ich fühle mich viel wohler, wenn ich machen kann, wenn ich Ideen liefern und wenn ich Probleme lösen kann.“
Doch nicht alle Probleme löst der „Macher“ Bergmeister im Handumdrehen. Manche Verantwortungen, wie etwa das Lebensprojekt Brennerbasistunnel, haben „schlaflose Nächte“ bereitet, wie er zugibt: „Ich habe schon gezweifelt, ob es gelingt, das Projekt voranzutreiben, sodass es überhaupt realisierbar und finanzierbar wird. Dahingehende Gedanken haben mich beim BBT oft belastet.“ An anderen Baustellen wie der Weiterentwicklung der Fakultät für Bildungswissenschaft grübelt Bergmeister bis heute – auch wenn er in rund eineinhalb Jahren das Präsidentenamt der Freien Universität Bozen abgeben wird. „Wir müssen den jungen Studierenden mehr Spielraum geben, ihre Kritikfähigkeit zu entfalten. Wir brauchen Menschen, die gestalten wollen: Die Lehrer, so wie die Politiker, sind extrem wichtig. Hier müssen neue Ideen her.“
Die zündenden Ideen kommen Bergmeister wie schon in den Studententagen in der Nacht: „Die strategisch-schöpferische Arbeit für die Universität Bozen, für meine Publikationen oder für meine Professur erledige ich immer nachts. Nach dem Abendessen mit meiner Frau gegen 9 Uhr kann ich wunderbar schreiben oder lesen und Ideen entwickeln. Dann schlafe ich fünf Stunden – meist nicht mehr.“ Im Moment schreibt Konrad Bergmeister an einem Buch. „Ignotus – das Unwissen“ soll es heißen. Darin entwickelt der Wissenschaftler Bergmeister grundlegende Betrachtungsweisen von globalen Phänomenen wie Umweltkatastrophen oder Finanzeinbrüchen und analysiert deren periodisches Auftreten. Dahinter steht – es passt zum Bild – der Bergbauernjunge, der schon von seinem Vater lernte, beim Wetter die Bauernregeln zu lesen.
Trotz so viel Engagement sieht er sich nicht als Übermensch. „Es ist ein Privileg, diese Arbeit machen zu dürfen. Ich denke mir immer: Meine Eltern und meine Großeltern haben so viel gearbeitet, sogar noch mehr und körperlich noch viel härter.“
Auch den inoffiziellen Titel des „Schatten-Landeshauptmannes“ relativiert Konrad Bergmeister. Selbst am Ende der Legislaturperiode Durnwalder, als dieser ihn höchstpersönlich als einen der möglichen „Sterne“ und damit Favoriten unter den Kandidaten für die Nachfolge bezeichnete, habe er nicht an einen Einstieg in die Politik gedacht: „Nicht für eine Sekunde. Ich hege keine politischen Interessen, obwohl ich durchaus ein politikorientierter und politischer Mensch bin. Ich war auch einmal schon Gemeinderat in Vintl, aber das war’s.“ Das Verhältnis zu Luis Durnwalder war laut Bergmeister stets von einer guten Kritikfähigkeit und gegenseitigem Respekt geprägt – so wie aktuell das Verhältnis mit Arno Kompatscher. „Beide sind große Persönlichkeiten, die das Land weitergebracht haben und bringen. Ich denke, es braucht mehr von ihnen, mehr Menschen mit Strahlkraft, die etwas bewegen.“
Für Konrad Bergmeister sind die wichtigsten Personen zu Hause. Seit dem vergangenen Jahr ist er Vater von sechs Kindern. „Ich habe das Glück, eine Familie und eine Frau zu haben, die hinter mir stehen. Ohne sie könnte ich nicht machen, was ich mache. Dennoch muss man sagen, dass es nicht immer einfach ist. Die Zeit, die man zu Hause verpasst, kommt nicht wieder. Da gibt es natürlich Konflikte. Aber ich sehe es immer mehr: Die Familie kann man nicht lösungsorientiert abwickeln wie ein Projekt. Sie braucht vor allem Zeit, und Einfühlsamkeit.“
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